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Die 1923 von Georg Lukács veröffentlichte Aufsatzsammlung Geschichte und Klassenbewusstsein gilt bis heute völlig zu Recht als entscheidender Markstein bei der Entstehung des sogenannten westlichen Marxismus und der Kritischen Theorie. Insbesondere mit seinem Aufsatz über Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats schuf Lukács einen Strang kritischer Theoriebildung, der die Marxsche Warenanalyse zu ihrem Ausgangspunkt nahm und deren erkenntniskritischen Motive betonte. Die Kritik der teleologischen Geschichtsauffassung und des Basis-Überbau-Schematismus des traditionellen Marxismus, wie die Neuaneignung des philosophischen Erbes Hegels bei Marx und der Fetischismuskritik hat in ihm ihren Referenzpunkt.

Der Versuch einer Aktualisierung der Marxschen Revolutionstheorie trägt aber selbst noch die Züge einer Zeit, in der die kommunistische Weltrevolution als greifbar erschien. Das historische Scheitern des Proletariats, das nicht nur nicht die Weltrevolution auf den Weg brachte, sondern es auch nicht vermochte Auschwitz zu verhindern, machte eine Revidierung der Lukácsschen Prämissen notwendig. Sie ist Kritik an einer Position, die sich auf der Suche nach einem quasi nicht-verdinglichten Rest befindet: der Versuch der Rettung einer positiven Revolutionstheorie, die ihren archimedischen Punkt im Subjekt-Objekt der Gesellschaft, dem Proletariat, hat.

Dass Georg Lukács die Vernichtungslager nicht voraussehen konnte, kann ihm nur schwer zum Vorwurf gemacht werden: wenn heute aber die selbsternannten neuen kritischen Theoretiker im Dunstkreis von Axel Honneth endlich wieder positive Theorie im Anschluss an Lukács betreiben wollen, dann schlägt dies in Ideologie um. Anstatt einen kritischen Begriff von Verdinglichung zu entwickeln, wird dieser zum anerkennungstheoretischen Popanz, der die vermeintliche »Verkümmerung oder Verzerrung einer ursprünglichen Praxis« (Honneth) anklagt und die Einübung in positve thinking und Realtitätsverdrängung ist. Und hierin besteht Einigkeit mit einer Linken, die das eigene historische Scheitern verleugnen muss, um an jeder Straßenecke die Abnehmer ihrer Revolutionsromantik zu entdecken: die einen reden nur von Subalterne, andere von vorgelagerter Anerkennung und manche meinen selbst im Jahre 2013 noch, über das Schicksal der Revolution entschiede das Klassenbewusstsein.

 

Zu Gehalt der Lukácsschen Theorie und Kritik ihrer Fans wird Robert Fechner auf Einladung der Gruppe Melange referieren. Von Fechner erschien ein Aufsatz zur Beziehung von Georg Lukács und Max Weber in dem 2012 im ca-ira Verlag veröffentlichten Sammelband Verdinglichung, Marxismus, Geschichte. Von der Niederlage der Novemberrevolution zur Kritischen Theorie.

4. Juli, 19:00, im Keller des Plan B (bei der Hafenstraße 116, Zugang über den Garten).

Im folgenden vier Gedichte Paul Celans, die beim N.N. am 30.06. („Bilder der erstarrten Zeit“) zur Diskussion gestellt werden sollen:

ohne Titel (aus: „Mohn und Gedächtnis“)
 

Nachts, wenn das Pendel der Liebe schwingt

zwischen Immer und Nie

stößt dein Wort zu den Monden des Herzens

und dein gewitterhaft blaues

Aug reicht der Erde den Himmel

 

Aus fernem, aus traumgeschwärztem

Hain weht uns an das Verhauchte

und das Versäumte geht um, groß wie die Schemen der Zukunft.

 

Was sich nun senkt und hebt,

gilt dem zuinnerst Vergrabnen:

blind, wie der Blick, den wir tauschen,

küßt es die Zeit auf den Mund.

 
ohne Titel (aus: Verstreute Publikationen aus dem Zeitraum von „Mohn und Gedächtnis“)
 

Wie sich die Zeit verzweigt

das weiß die Welt nicht mehr

Wo sie den Sommer geigt

vereist ein Meer.

 

Woraus die Herzen sind

weiß die Vergessenheit

In Truhe, Schrein und Spind

wächst wahr die Zeit.

 

Sie wirkt ein schönes Wort

von großer Kümmernis

an dem und jenem Ort

ists dir gewiß.

 
Heimkehr (aus: „Sprachgitter“)
 

Schneefall, dichter und dichter,

taubenfarben, wie gestern,

Schneefall, als schliefst du auch jetzt noch.

 

Weithin gelagertes Weiß.

Drüberhin, endlos,

die Schlittenspur des Verlornen.

 

Darunter, geborgen,

stülpt sich empor,

was den Augen so wehtut,

Hügel um Hügel,

unsichtbar.

 

Auf jedem,

heimgeholt in sein Heute,

ein ins Stumme entglittene Ich:

hölzern, ein Pflock.

 

Dort: ein Gefühl,

vom Eiswind herübergeweht,

das sein tauben-, sein schnee-

farbenes Fahnentuch festmacht.

 
ohne Titel (aus: „Zeitgehöft“)
 

Rebleute graben

die dunkelstündige Uhr um

Tiefe um Tiefe,

 

du liest,

 

es fordert

der Unsichtbare den Wind

in die Schranken,

 

du liest,

 

die Offenen tragen

den Stein hinterm Aug,

der erkennt dich,

am Sabbath.

Es soll beim „Negativen Nachmittag“ um einen Dichter gehen, der sich auch in als antideutsch sich bezeichnenden Kreisen eines erstaunlich geringen Interesses erfreut: Paul Celan.

Dies mag einerseits zusammenhängen mit einer auch bei als Kritiker sich gerierenden Personen oft zu konstatierenden mangelnden Bereitschaft, überhaupt noch mit Lyrik sich zu beschäftigen, schließlich meint man bei Adorno gelernt zu haben, dass nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben barbarisch sei und gibt sich oft lieber gleich mit den eigenen, gleichfalls barbarischen popkulturellen Vorlieben zufrieden, statt die „mühselige“ Lektüre von Gedichten überhaupt noch auf sich zu nehmen.1

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Wir dokumentieren unser Flugblatt gegen die Hamburger Vortragsreihen „Intros“ und „Allein Schon“, anlässlich des Poststrukturalismusvortrags im Rahmen von „Intros“ am 7.02.2013. Eine PDF Version gibt es auf Issuu.com oder direkt hier.

 

„Allein schon Intros III“

Gegen die postmoderne Linke und ihre Kritikdezimierung.

 

Das Immergleiche.

„Die Intros gehen weiter“ jubelt es aus der Roten Flora, in der sich Kritikmaximierung Hamburg, a² und das Freie Sender Kombinat nun schon „die dritte Saison“ bemüßigt fühlen, irgendwas mit Theorie zu machen, also „gesellschaftskritische Einführungsveranstaltungen“ abzuhalten. Kritik, die diesen Namen verdiente, wird sich allerdings kaum finden, wo Freude über das So-weiter-Gehen das Leid an der verkehrten Gesellschaft verdrängt, und die Katastrophe, dass der Kapitalismus einfach immer so weitergeht, sich als jahrmarktförmige Rekrutierungsveranstaltung darstellt. Anderswo verwandelt ein sich selbstsicher mit dem studentischen Elend identifizierendes Racket die Uni Hamburg zum Meinungsbasar für Popantideutsche und andere Akademiker, um „Begriffe der Kritik“ zu verramschen. Mit dem abgeklärten Gestus des bescheidwissenden Wutbürgers stellt sich ein „Studentisches Milieu“ ganz vorne an die Agitationsfront, rümpft die Nase und blökt: „Allein schon Deutschland!“. Ähnlich geht es bei den „Intros“ zu, deren Veranstalter 2013 allerdings das Marktschreierdasein satt haben und stattdessen vom Schaffnern träumen. Anstatt wie bisher „einzelne Herrschaftsverhältnisse“ kritisieren zu wollen, verticken KmH, FSK und a² nun trendige Theorietickets mit Option auf innerlinken oder akademischen Distinktionsgewinn.

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Allahs Ethnie

Wir haben mit der Hamburger Studienbibliothek sowie assoziierten Personen ein Flugblatt zum „Kongress gegen antimuslimischen Rassismus“ verfasst, das im Folgenden dokumentiert wird. Eine PDF Version gibt es auf Issuu.com oder direkt hier.

 

Allahs Ethnie

Wie ein Kongress gegen „antimuslimischen Rassismus“ Muslime als Rasse konstituiert

 

Eigentlich, sollte man meinen, hätten »antirassistische und autonome Zusammenhänge« genug zu tun. Unverändert werden Flüchtlinge und Migranten mit dem Bodensatz der öffentlichen Meinung konfrontiert, von Ausländerbehörden schikaniert und tagtäglich in Ungewissheit, Elend oder sogar den sicheren Tod abgeschoben; und während zahlreiche Käffer, vor allem im Osten, immer noch als No-Go-Areas für alles, was fremd aussieht, fungieren, führen sich die Deutschen ganz unverhohlen gegenüber Griechenland als Kolonialherr auf. Die Linke aber vermag das alles nicht recht in Wallung zu bringen. Um »fehlenden Aktivismus« zu überwinden und »Handlungsfähigkeit« zurück zu erlangen, bedarf es schon etwas Exquisiterem: eines so genannten »antimuslimischen Rassismus« etwa. Zu dessen Bekämpfung findet vom 12.-14. Oktober in der Roten Flora ein Kongress statt, dessen Versprechen vor allem darin besteht, was auf ihm – bündig in einem »Disclaimer« zusammengefasst – nicht thematisiert werden soll: Islam? »Darum geht’s doch gar nicht!«1 Und weil auf dem Kongress tatsächlich vom Islam, also von Religion, also von Religionskritik geschwiegen werden soll, bleibt vom »antimuslimischen Rassismus« am Ende nur eins übrig: die Muslime als Rasse.

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Once more, with feeling

Dieser Text kann auch als PDF gelesen werden.
 

Once more, with feeling

Gegen Islam und Aufklärungsverrat!

 

„›Die Linke‹ ist tot, aber die meisten Linken haben es gar nicht bemerkt und einige wollen es nicht so recht wahrhaben.“

„Der linke ›Common sense‹ ist die moraline Variante der herrschenden Meinung, die bekanntlich die Meinung der Herrschenden ist.“

Joachim Bruhni

 

Die Antisemiten in der deutschen Linken haben es nicht leicht: Anders als den Rechten, die ebenfalls ihren Antisemitismus nach 1945 unter dem Joch des gesellschaftlichen Tabus verdrängen oder zumindest tarnen mussten, macht ihrem Hass auf die Juden auch das eigene, linke Selbstverständnis zu schaffen. Sie denken Antifaschisten im Kampf gegen Unterdrücker zu sein und das passt nicht zum Judenhass, außer die Juden seien selbst Unterdrücker: Auf der ersten Stufe des Selbstbetrugs rehabilitierte die deutsche Linke den Antizionismus. Der deutschen Palästinasolidarität, der die realen Probleme der Palästinenser und Palästinenserinnen vollkommen egal waren und sind, gelang ein preisverdächtiges Kunststück. Man konnte gegen den jüdischen Staat schlagen und sich als Vorhut des Sozialismus fühlen. Die eigene deutsche Vergangenheit wurde ihnen dabei zum moralischen Kapital im Abwehrkampf gegen den in Israel hineingeheimnißten Faschismus. Eigentlich hätte alles so gut sein können. Doch dann fiel die Sowjetunion und mit der Wiedervereinigung kam die antideutsche Kritik und machte den deutschen Linken den Antizionismus madig. Einige resistente Antizionisten wehren sich bis heute dagegen, aber nicht wenige Linke wurden antinational. Sie sind nun kritisch gegenüber Antisemitismus, den manche von ihnen auch im Antizionismus aufzuspüren gelernt haben. Ihre Entsorgung der Vergangenheit und Rehabilitierung des antiisraelischen feeling tarnt sich unter dem Mantel einer, von allen historischen Bedingtheiten abstrahierenden, pesudo-universalistischen Nationalismuskritik. Von Postnazismus will man nichts wissen und Solidarität mit Israel verbietet man sich, schließlich sei es doch auch nur ein Nationalstaat wie jeder andere. Die eigenen Demonstrationen hält man rein von Nationalflaggen, wovon selbstverständlich nur israelsolidarische Menschen betroffen sind und solche, die denken, man könne den Alliierten schon mal für die Befreiung der Welt von den Deutschen danken. Aber das genügt den Linken nicht mehr. Denn seit islamistische Rackets der USA, dem Hauptfeind aller Linken, ihre Verletzlichkeit demonstrierten, sieht man die Muslime und Muslimas der Welt der bevorstehenden Vernichtung ausgeliefert, wie es einst Palästinenser und Palästinenserinnen zu sein schienen. So packt man postmoderne Modetheorie und islamische Kampfbegriffe ins Gepäck und stürzt sich in den queeren Djihad gegen USA und Israel. Auch vor Hamburg macht die Rekrutierungswelle nicht halt. Bereits 2011 organisierten die undogmatischen Bündnisfetischisten von Avanti eine Veranstaltungsreihe zu „antimuslimischem Rassismus“. Ein Jahr später wurde das Thema ausgegriffen von Susann Witt-Stahl, die sich als Boykotteurin jüdischer Filme einen Namen machte und nebenberuflich antispeziezistische Leichenschändung an Vertretern der Kritischen Theorie betreibt. Doch die Hamburger Szene hat eigentlich ganz andere Sorgen: Sie befindet sich seit Jahren im verzweifelten Abwehrkampf gegen Aufklärung und Emanzipation, stets bemüht dem Gift der Ideologiekritik zu entrinnen. Die Einen versuchen, der Barbarei so viel als möglich Vorschub zu leisten, beschimpfen und schlagen panisch gegen alle, die ihnen als Szenevergifter gelten. Die anderen fühlen sich einem wie auch immer gearteten ideologiekritischen Projekt verbunden bzw. haben wenigstens einen noch so rudimentären Begriff von linkem Antisemitismus, dass sie für den Rest der Szene zu Hassobjekten erster Klasse werden. Nicht wenige von ihnen scheinen an Reintegration interessiert und versuchen „die Spuren ihrer Lektüre zu tilgen, wie manche Altersgenossen ihre Facebook-Fotos aus früheren Jahren.“ii Der Großteil der Hamburger Szene verharrt in Gleichgültigkeit: bloß keine Debatte, bloß keine Spaltung! So schrecklich dieser Konflikt für die darin Gefangenen, so grausam die Schläger der antiimperialistischen Rackets, so sonderbar die Versuche Postantideutscher in den antisemitischen linken Mainstream zurück zu finden: So sehr bleibt zumindest zu hoffen, dass das „[schleichende] Gift“ der Kritik noch mehr Linke „zum unfreiwilligen Eingeständnis ihres endgültigen Scheiterns“ treibt.iii Wir erlauben uns diese Hoffnung, denn ideologiekritische „Schriften werden weiterhin von Linksradikalen gelesen […] und werden von jungen, unschuldigen Gemütern aufgenommen und in ihr politisches Weltbild eingebaut.“iv

Wenn also Hamburger Linke schon wieder meinen, den Islam vor Kritik schützen zu müssen und einen Kongress gegen „antimuslimischen Rassismus“ veranstalten und die Rote Flora meint, nach den antiisraelischen Tiraden der Hamas-Freundin Inbal S. sei ein solcher Kongress eine willkommene Fortsetzung, finden wir genug gute Gründe, solchem Meinen seinen verdienten Platz auf dem Müllhaufen der Geschichte auszuweisen.

 
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